Die Folgen noch zu wenig im Blick

 

Von Wolfgang Kleideiter

 

„Farm to Fork“ lässt sich am besten mit „vom Erzeuger zum Verbraucher“ übersetzen. Das Schlagwort steht seit Mai 2020 für ein Riesenprojekt der EU-Kommission. Das heute europäische Ernährungssystem soll bis 2030 umgekrempelt werden und – so die Hoffnung – dann dazu beitragen, dass die großen Umweltschutz- und Klimaziele der EU erreicht werden können. Nachhaltig, klimaneutral, ökologisch – mit Auswirkungen auf den ländlichen Raum.

Vor wenigen Tagen hat das Europäische Parlament mehrheitlich der EU-Kommission den Rücken gestärkt. Mit 452 zu 170 Stimmen wurde vom Plenum eine Entschließung zur Farm-to-Fork-Strategie angenommen. Das Votum versetzt die Kommission in die Lage, nach und nach 27 Maßnahmen – darunter viele neue Gesetze – anzugehen. Der Streit über einzelne Inhalte wird zweifellos kommen, denn die hehren Strategiewünsche stehen an etlichen Stellen im krassen Widerspruch zur Realität.

 

Folgenabschätzung lautet der zentrale Begriff in der Debatte. Ziele wie die Halbierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes bis 2030 oder die Reduktion der Düngemittel um 20 Prozent bis zum Ende des Jahrzehnts sind rasch formuliert. Ebenso kann man festlegen, dass bis dann 25 Prozent der europäischen Agrarflächen ökologisch bewirtschaftet werden. Doch was bedeutet dies für die Nahrungsmittelproduktion, die Erzeugerkosten und die Preise auf dem Markt?

 

Studien werfen Fragen auf

 

Gegen Nachhaltigkeit sträubt sich niemand. Doch es muss geklärt sein, ob der Umbau die hochgesteckten Ziele wirklich erreicht. Mehrere wissenschaftliche Studien, die zum Teil von Interessensverbänden in Auftrag gegeben wurden, stellen den globalen Umweltnutzen der europäischen Farm-to-Fork-Strategie infrage. Hier könnte man noch Lobbyismus vermuten.

 

Hellhörig macht aber, dass auch ein Bericht der Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC) der EU-Kommission Unwägbarkeiten aufzeigt. Der nordrhein-westfälische EU-Abgeordnete Dr. Markus Pieper (CDU), grundsätzlich ein Befürworter des Umbaus, spricht in einem aktuellen Newsletter von „teils dramatischen Auswirkungen … auf die EU-Ernährungsproduktion und das Preisniveau“. Im JRC-Bericht ist von einem Preisanstieg für Fleisch um bis zu 40 Prozent die Rede. 70 Prozent der eingesparten Emissionen tauchen laut JRC an andere Stelle in der Welt wieder auf.

 

Marlene Mortler, Agrar- und Ernährungspolitikerin der CSU im Europarlament, fordert bereits gangbare Alternativen vor allem für die Landwirtschaft: „Wenn unsere Betriebe nicht wettbewerbsfähig bleiben, leisten wir unseren heimischen Landwirten und der gesamten Lebensmittelkette einen Bärendienst.“ EVP-Abgeordneter Herbert Dorfmann, Berichterstatter des Agrarausschusses, warnte in der Sitzung vor einer Verlagerung von Anbau und Erzeugung in Drittländer.

 

Deutsche Bauern in Sorge

 

Und diese Sorge haben auch die deutschen Bauern. Sie fragen zurecht, welchen Stellenwert die europäische Landwirtschaft künftig haben wird, wenn auf dem Rest des Globus weiter mit konventionellen Methoden und oft mit niedrigeren als den heute bereits geltenden EU-Standards produziert wird. Abgesehen von Europas wachsender Abhängigkeit vom Nahrungsmittelimport erhöhen sich dadurch an anderen Stellen der Welt die Treibhausgas-Emissionen. Der ökologische Fußabdruck wird hier kleiner und andernorts größer. Und unbeantwortet bleibt bei all dem die Frage, wie die wachsende Weltbevölkerung ernährt werden kann, wenn eine Farm-to-Fork-Strategie zu einem Einbruch der Produktion in Europa führt. Außerhalb der wohlhabenden Länder weiß man genau, was Hunger und Unterernährung bedeuten.

 

Die Parlamentarier sollten bei der EU-Strategie deshalb ganz genau hinschauen und Antworten auf unbequeme Fragen einfordern. Dass EU-Kommissionsvize Frans Timmermans die laut Nachrichtenportal EUractiv bereits im Januar fertige JRC-Studie zu den Effekten der Strategie bis Mitte August zurückgehalten hat, spricht nicht für transparente Herangehensweise. 

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