Industrie will aufs Land

 

Von Jürgen Wermser

 

Beim Stichwort Industrie denken die meisten Bürger wohl zunächst an große Städte, Konzerne, dicht besiedelte Ballungsgebiete. Auch viele Politiker erwecken diesen Eindruck, wenn man ihren Reden im Bundestag folgt. Doch die Wirklichkeit ist vielschichtiger. Der Wohlstand wird nicht nur in urbanen Zentren geschaffen, zumal eine hohe Dichte an Produktionsstätten häufig mit unerwünschten Nebenwirkungen wie Wohnraumknappheit, Umweltbelastungen und sozialen Brennpunkten verbunden ist.

 

Natürlich bleibt es wichtig, die industrialisierten Ballungszentren im Blick zu haben und zu sichern. Doch mindestens ebenso notwendig ist es, die ländlichen Räume und deren Industriebetriebe zu beachten und zu stärken, um Wachstum und Beschäftigung zu fördern. Immerhin stehen ländliche Regionen für etwa 46 Prozent der Bruttowertschöpfung Deutschlands und sind Heimat für etwa 57 Prozent der Bevölkerung. Wer hier politisch und finanziell investiert, legt seine Ressourcen gut an.

 

Bei den jetzt beginnenden Berliner Koalitionsgesprächen gehört dieses Thema mit nach oben auf die Tagesordnung. Hierzu hat der Bundesverband der Industrie (BDI) kürzlich ein Positionspapier vorgelegt mit dem bezeichnenden Titel: „Ländliche Räume stärken - Für einen wettbewerbsfähigen Mittelstand, eine lebhafte Gesellschaft und gleichwertige Lebensverhältnisse“.

 

Geringere Immobilienpreise

 

Der BDI nennt gute Gründe, auch jenseits der Ballungszentren zu investieren. So gebe es dort geringere Grundstücks- und Immobilienpreise oder größere Gewerbeflächen. Auch seien die gesellschaftlichen Strukturen insgesamt übersichtlich. Verwaltungen auf dem Land hätten auf Grundlage langfristiger Beziehungen und detaillierter Kenntnis von Akteuren und Situationen vor Ort mehr Potential, weniger bürokratisch zu sein. Zudem seien Eigentümerinnen und Eigentümer von Familienunternehmen häufig an den traditionellen Stammsitzen ihrer Betriebe heimisch. Was in der Region geschehe, betreffe sie auch als Bürgerinnen und Bürger. Das motiviere dazu, sich in die Entwicklung der Region aktiv einzubringen.

 

Doch all dies ist kein ökonomischer Selbstgänger. Der Staat muss in Vorleistung treten und die entsprechende Infrastruktur schaffen. Denn so schön und voller Lebensqualität ländliche Regionen auch sein mögen, sie müssen technologisch, ausbildungsmäßig und verkehrstechnisch auf modernem Stand sein. Sonst stehen sie im Wettbewerb um Arbeitsplätze auf verlorenem Posten. Dann drohen Abwanderung und Überalterung. Für diverse Regionen in Ost- und Westdeutschland ist dies leider trauriger Alltag.

 

Schnelles Internet notwendig

 

Der Schlüsselbegriff für eine dauerhafte Lösung heißt schnelles Internet - verlässlich und „an jeder Milchkanne“. Eine solche digitale Infrastruktur ist mittlerweile die Voraussetzung für zeitgemäßes Wirtschaften und Arbeiten geworden. Und hier muss die neue Regierung dringend handeln. Denn laut Breitbandatlas des Bundes, Stand Ende 2020, sind in ländlichen Regionen nur rund knapp 66 Prozent der Haushalte mit mindestens 100 Mbit/s versorgt. Die Vergleichswerte für halbstädtisch und städtisch sind 83 und knapp 96 Prozent. Bei den entsprechenden Gewerbestandorten gibt es ähnliche Unterschiede. „Umfassende digitale Prozesse und Industrie 4.0“ seien unter solchen Bedingungen nicht zu gewährleisten, kritisiert der BDI - ein Armutszeugnis für eine so exportorientierte Industrienation wie Deutschland.  

 

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