Rüstig, aber alt geworden

 

Von Wolfgang Molitor

 

Es gibt Wiegenfeste, die ermöglichen ganz neue Blickwinkel. Erst recht, wenn das Geburtstagskind und seine Feier in die Jahre gekommen sind. Wie bei der CDU, die in Goslar vor 71 Jahren unter dem Leitspruch „Einigkeit und Recht und Freiheit“ vom 20. bis 22. Oktober 1950 ihren ersten Bundesparteitag abgehalten hat – und sich so auf Bundesebene fünf Jahre nach den regionalen Gründungen konstituierte.

 

Der runde, der 70. Jahrestag des Gründungsparteitages war aufgrund der Pandemie abgesagt worden und wird nun in Bielefeld nachgeholt. Nicht wenige der Geladenen werden von der Rüstigkeit der zunehmend gebrechlich wirkenden alten Unions-Dame überrascht sein, wie wohl ein skeptischer Satz besonders die Runde machen dürfte: „Aber sie ist alt geworden.“

 

Eine Partei zwischen Über- oder Untergang. Armin Laschet, der Wahlverlierer, Auslauf-Vorsitzende und Noch-Ministerpräsident, wird eine Grundsatzrede halten, und man darf gespannt sein, ob darin mehr die große Vergangenheit eine Rolle spielen wird als eine ungewisse Zukunft.

 

Erinnerungen an CDU-Kanzler

 

Sicher scheint nur: Die CDU wird in den kommenden Jahren nicht den Bundeskanzler stellen. Da mögen die prallen Erinnerungen an Konrad Adenauer, Ludwig Erhardt, Kurt-Georg Kiesinger (etwas gedämpfter), Helmut Kohl und Angela Merkel guttun, das Hervorheben der unbestreitbar richtungsweisenden, friedens- und wohlstandssichernden Meriten auch. Aber der glorreiche, wie schmerzhafte Rückblick darf nicht jene Herausforderungen überlagern, vor denen die Union in den nächsten Jahren steht.

 

Noch vor wenigen Wochen hatte man sich angesichts der unheilbar scheinenden SPD-Schwäche halbwegs stolz als letzte Volkspartei fühlen dürfen. Schon damals ein frommer Selbstbetrug, der die Partei in Bund und Ländern zu selbstsicher machte, zu sorglos, zu bequem.

 

Inhaltlich unter Angela Merkel in 16 Jahren Regierungsverantwortung verwässert, personell verschlafen, programmatisch verunsichert, organisatorisch geschwächt: Armin Laschet wird wohl wenig davon reden, wenn es aus Anlass des Jahrestags gilt, sich weiterhin für unverzichtbar zu halten. Auch als Opposition. Als hartkantige Alternative zu marktwirtschaftlich angerührten Ökosozialismus-Brei. Progressiv-pragmatisch.

 

Unbestritten: Nach über 70 Jahren darf eine Partei wie die CDU sich selbst ihre Retro-Erfolge feiern, die diese Republik wie keine andere Partei groß und stark gemacht haben. Jetzt aber müssen die Kinder und Kindeskinder beweisen, dass sie nicht selbstgefällig Großes erben, sondern mit diesem Kapital entschlossen Altes einreißen und zupackend Neues aufbauen können. 

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