Trauriger Tag der Einheit

 

Von Henning Röhl

 

Nein, ein fröhlicher Tag der Deutschen Einheit war das nicht. Kaum Veranstaltungen im Land, vom Erntedank wurde mehr geredet als vom Dank für die Wiedervereinigung. Symbolhaft für diese Stimmung streikten in Halle an der Saale, dort wo die offiziellen Feierlichkeiten stattfanden, die öffentlichen Verkehrsbetriebe.

 

Die Großkopferten aus Bund und Ländern, die pflichtbewusst dem Staatsakt in der Händelhalle beiwohnten, saßen pandemiegerecht weit auseinander, hörten der Kanzlerin und der klassischen Musik zu, und man sah in ihren Gesichtern, wie wenig Freude ihnen diese Veranstaltung bereitete. „Die Elite feiert den Fall der Mauer hinter Mauern“, schrieb ein Hallenser Bürger in einem Internet-Portal der Stadt – und so war es auch. Keine Begeisterung, kaum feierliche Stimmung, nur wenig sichtbare Lippenbewegungen beim Abspielen der Nationalhymne.

 

Auch das Interesse der Fernsehzuschauer hielt sich in Grenzen. Gerade einmal 550.000 Zuschauer verfolgten den ökumenischen Festgottesdienst zum Tag der Einheit, der auch aus Halle kam. Bei der „Sendung mit der Maus“ kurz vorher waren es noch 200.000 mehr gewesen. Der eigentliche Festakt lief dann im ZDF. Er kam auf einen Marktanteil von gerade einmal 6,3 Prozent aller Fernsehzuschauer.

 

Fähigkeit zum Feiern verloren?

 

Nationalfeiertag sieht anders aus. Es scheint beinahe so, als hätten wir Deutschen die Fähigkeit zum Feiern verloren.

 

Ist das eine Folge der Pandemie?  Liegt das an der Erschöpfung nach dem Wahlkampf und dem unklaren Ergebnis? Spielt gar das Wahlergebnis im Osten eine Rolle, wo die AFD fast alle Direktmandate gewonnen hat?

 

Woran liegt die depressive Stimmung, die sich in unserem Land breitgemacht hat und gerade am Nationalfeiertag zu spüren war? Etwa daran, dass Viele im Westen weitergemacht haben wie eh und je, und viele im Osten sich als zurückgesetzt fühlen? Oder an dem, was die Bundeskanzlerin auch gesagt hat, dass „wir eine Öffentlichkeit (erleben),  in der demagogisch mit Lüge und Desinformation, Ressentiments und Hass geschürt werden“?

 

Manche dieser Fragen enthält schon eine Teilantwort, doch allein reichen Fragen und Antworten nicht aus. Ende der 1960er Jahre attestierte ein Paar von  Psychoanalytikern den Deutschen eine „Unfähigkeit zu trauern“.  Vielleicht sollte man dieses Schlagwort heute umdrehen und von einer Unfähigkeit zur Freude sprechen. Gemeinsam fröhlich sein, gemeinsame Freude, gemeinsam eine kollektive Aufbruchsstimmung erleben, gemeinsam ohne Hintergedanken einfach zufrieden sein.

 

Die guten Gefühle sind Geschichte

 

Wann haben wir zuletzt solche Gefühle gespürt? Nach der Wiedervereinigung zum Beispiel. Auch im „Sommermärchen“, als ganz Deutschland schwarz-rot-goldene Fähnchen schwenkte. So anders war Deutschland damals  – doch das  ist schon 15 Jahre her. Seitdem hat es gewiss nicht nur Traurigkeit gegeben, aber die Aufbruchsstimmung und die guten Gefühle sind irgendwie auf der Strecke geblieben.  So als wären die Bußprediger durch das Land gezogen und hätten die Bürger in Furcht und Schrecken versetzt.

 

Eine positive Grundeinstellung kann nicht verordnet werden, aber sie kann sich einstellen, wenn es Ziele gibt. Für den Einzelnen und für die ganze Gesellschaft. Jeder kann für sich für Optimismus sorgen, aber auch eine neue Regierung – von wem auch immer sie geführt wird, - kann Aufbruchsstimmung und positives Grundgefühle bei Bürgern entstehen lassen. Wir hatten so etwas schon in Deutschland. Etwa als Willy Brandt mit seinem Motto „Mehr Demokratie wagen“ für einen Neuanfang sorgte. Oder als Helmut Kohl mit seiner Europavision und mit seinem positiven Patriotismus im Lande große Zuversicht verbreitete. Doch das ist, wie gesagt, schon länger her. Vielleicht gelingt jetzt, wirklich wieder ein positiver Neuanfang.

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