Provinzversteher im Nordosten

 

Von Michael Lehner

 

Ausgerechnet in Mecklenburg-Vorpommern behauptet sich die SPD als einzige

Volkspartei. Trotz starker Konkurrenz von Rechtsaußen. Und, vor allem, in einem ländlich geprägten Bundesland. Die Gründe dafür allein bei der populären Ministerpräsidentin zu suchen, wäre töricht für die Konkurrenz.

 

Wahr ist nämlich auch: Mit dem Agrar- und Umweltminister Till Backhaus haben die Sozialdemokraten einen ausgewiesenen Fachmann, der die speziellen Probleme der Landwirtschaft im deutschen Osten aus eigener Erfahrung kennt. Und der deshalb weiß, dass den Bauern dort mit schönen Reden kaum zu helfen ist.

 

Gerade mal 16 000 Menschen verdienen ihr Brot in Mecklenburg-Vorpommern noch allein mit Ackerbau und Viehzucht. Erbe auch der DDR-Ideologie, die in diesem Bereich auf Industrialisierung und schiere Größe setzte. Kleinbäuerliche Strukturen gab es dort kaum noch zu retten, als die Wende kam. Es ging vielmehr um Ausgleich zwischen den armen Städten Rostock und Schwerin und der noch ärmeren Provinz drumherum.

 

Armut zum Thema gemacht

 

Die Sozialdemokraten haben es in den Wendejahren sehr bald geschafft, solche Armut zu ihrem Thema zu machen. Auch deutlich schneller als die Linkspartei,

die bis heute Mühe hat, die Defizite aus realsozialistischem Versagen zu erklären. Auch noch, als selbst der Schiffsbau als einstige Vorzeige-Industrie nicht mehr zu retten war.  Kaum irgendwo in Deutschland war das Elend sterbender Ballungsräume deutlicher als in Mecklenburg-Vorpommern.

 

Fast lautlos haben es die Schweriner Landesregierungen binnen drei Jahrzehnten geschafft, Bayern den Rang streitig zu machen im Ranking der deutschen

Tourismusländer. Ohne großes Gezänk um den vermeintlichen Konflikt zwischen Ökologie und Fremdenverkehr. Und mit kluger Vermeidung von

Fehlentwicklungen, die Destinationen wie die Schickeria-Insel Sylt für Normalverdiener zunehmend unbewohnbar machen.

 

In einem nächsten Schritt versucht das Kabinett Schwesig den Wandel der Dörfer fern von der Küste sinnvoll zu gestalten. Kaum ein Bundesland, in dem sich mehr kluge Köpfe selbige um die Zukunft des ländlichen Raums zerbrechen. Auch um den Wandel, den der Zuzug von Großstadt-Bürgern der Provinz abverlangt.

 

Hohe Zahl an Neubürgern

 

Die Zahl der Neubürger, die nach Mecklenburg-Vorpommern zuwandern, hat sich der Zahl derer, die das Bundesland verlassen, weitgehend angenähert. Es gibt sogar Aktionen zum Probewohnen auf dem Lande. Und reichlich Bemühungen,

Missverständnisse auf beiden Seiten zu vermeiden. Vom Geruch von

Kuh- und Schweinestallungen bis zum Irrtum, dass Kultur nur auf subventionierten Großstadt-Bühnen stattfinde.

 

Das Schlagwort „Neue Ländlichkeit“ ist im Nordosten mehr als Akademie-Parole. Zumal sogar die Rücksicht auf Befindlichkeiten der Neubürger ihre Grenzen kennt: Etwa bei den klaren Grenzen für die zugewanderten Wölfe. Aus Großstadt-Sicht eher Kuscheltiere, aus der Sicht des Schweriner Umweltministers aber auch ernste Bedrohung für die bäuerliche Weidehaltung, die gerade Städter so idyllisch finden.

 

Digitalisierung und Jobs in Dörfern

 

Weiterer wichtiger Punkt: Die Digitalisierung auf dem flachen Land war in Mecklenburg-Vorpommern schon geraume Zeit vor der Corona-Krise ein Mega-Thema. Als Schlüssel zu neuen Jobs und neuem Leben in den Dörfern. Und sogar als Weg zur Teilhabe an den bisher weitgehend Großstadtmenschen überlassenen Debatten um die Zukunft der Provinz.

 

Spannend, dass es in solchem Klima ausgerechnet die Grünen nur mit Mühe in den Landtag schaffen und auch die Union immer weiter entfernt ist vom Image des

Provinz-Verstehers. Nicht nur im Norden, sondern sogar tief im Süden, wo der Wahlsonntag wie sonst im Land mit herben Enttäuschungen für CDU und CSU endete und die Grünen – wie die SPD – als Großstadt-Partei zurückließ. Vermutlich ein weiteres Zeichen für die Emanzipation der ländlichen Räume.

 

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