Popanz Mindestlohn

 

Von Michael Lehner

 

Wahrheit ist: Für knapp 10 Euro brutto gibt es in den meisten Regionen und den allermeisten Branchen kein Personal. Nicht in der Gastronomie und schon gar nicht im Baugewerbe. Auch eine Anhebung auf 12,50 Euro wird daran nur wenig ändern. Profitieren könnten allenfalls die Sozialkassen, wenn diese weniger Geld zuschießen müssen, damit es Menschen im Niedriglohnsektor für ein bescheidenes Leben reicht.

 

Wahrheit ist zudem, dass Mindestlohn-Gesetze nur wenig bewirken gegen Ausbeutung im großen Stil. Etwa gegen das Subunternehmer-Unwesen auf Großbaustellen. Wer überwacht dort die unbezahlten Mehrarbeitsstunden, wer die Wucher-Mieten in miesen Unterkünften? Die europaweite Ausschreibung öffentlicher Aufträge gerät oft zur Förderung von Hungerlöhnen. Und zur Wettbewerbsverzerrung zum Schaden heimischer Unternehmen, die ordentliche Löhne zahlen.

 

Normalverdiener in Not

 

Im wirklichen Leben geht es nicht um Mindestlöhne, sondern um die reale Not von Normalverdienern, die sich Großstadt-Mieten kaum noch leisten können. Schon gar nicht als Alleinverdiener, gar noch mit Kindern. Dazu kommt eine Inflation, die momentan zumindest gefühlt jede Tariferhöhung auffrisst. Die Betroffenen fürchten zurecht um ihren Wohlstand. Und sie fürchten, abgehängt zu werden. Auch das

erklärt die aktuelle Wählerwanderung.

 

Die Situation beschleunigt das langsame Sterben der Ballungsräume. Die Menschen, die sich das Leben dort noch leisten können, müssen fürchten, dass bisher gering bezahlte Dienstleistungen unbezahlbar werden – oder aber nicht mehr verfügbar. Zum Beispiel die Altenpflege oder auch die Kinderbetreuung. Beides Voraussetzung fürs auskömmliche Doppelverdiener-Dasein in gut bezahlten Berufen.

 

Auf der anderen Seite steht die Armut von Alleinerziehenden und ihrer Kinder. Eine Wirklichkeit, die wohlfeile Forderungen nach Chancengleichheit wie Hohn klingen lässt – auch dies unabhängig von der Höhe irgendwelcher Mindestlöhne. Im Politik-Kauderwelsch geht es dabei ums Prekariat. In verständlicher Sprache um Leute, die nur überleben, wenn der Staat sie stützt. Gäbe es diese Stütze nicht, müssten die Gutverdienenden ihre Wohnungen selber putzen und ihre alten Eltern selber pflegen.

 

Flucht in ländliche Räume

 

Die Flucht in die ländlichen Räume wirkt da wie eine Abstimmung mit den Füßen. Sie folgt der Not und schafft neue Probleme, wenn sie nicht mit Umdenken einhergeht. Viele Arbeitsplätze lassen sich übers Internet in die Provinz verlagern, aber bei weitem nicht alle. Schon gar nicht jene, die durch urbane Fehlentwicklungen entstanden sind. Dörfer leben ganz gut ohne Sozialarbeiter. Die Menschen dort kehren die Gehwege noch eigenhändig. Sie haben ein Vereinsleben, das die Jungen einbindet.

 

Vor allem sind Dörfer nicht dazu da, Großstadt-Probleme zu lösen. Schon gar nicht jene einer Scheinwelt, die Landwirte zu den Buhmännern der Nation erklärt und „grüne“ Energie nicht gelten lässt, wenn sich Windräder vor der eigenen Haustür drehen. Klagen gegen Kuhglocken und Misthaufen sorgen da für Schlagzeilen,

 

beschreiben aber nur die Spitze eines Eisbergs. Weit ernster ist die Ferne zum wirklichen (Land)leben. Zum Dorfbäcker, der um vier Uhr morgens Lärm verursacht. Oder zum Nachbarn, der es wagt, anderer Leute Kinder in die Schranken zu weisen.

natur + mensch der politische Blog ist eine Initiative der Stiftung natur + mensch

 


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