Lassen wir die Zukunft im Dorf!

 

Von Wolfgang Molitor

 

„Der Ländliche Raum Baden-Württembergs zeichnet sich durch eine hohe Lebensqualität und Wirtschaftskraft aus.“ So sieht es jedenfalls Nicole Razavi. Die Christdemokratin muss das sagen, schließlich führt sie in Baden-Württemberg ein - durch grün-schwarze Koalitionsarithmetik geschaffenes - neues Ministerium, das sich (neben Ernährung und Verbraucherschutz) auch um den Ländlichen Raum kümmern muss. Und ganz Unrecht hat sie schließlich nicht. Etwa jeder dritte Baden-Württemberger lebt im „Grünen“, wie man leichthin sagt, also im Ländlichen Raum. Das sind rund 149 Einwohner auf einen Quadratkilometer. Im Landesdurchschnitt sind es doppelt so viele.

 

Und doch ist der Ländliche Raum auch im Südwesten eher ein Sorgenkind als ein starker Motor für das wirtschaftliche Wachstum und den Arbeitsmarkt. Das unterscheidet ihn trotz positiver Besonderheiten wie einem breiten industriellen Mittelstand nicht vom Bundestrend. In Deutschland leben 77 Prozent der Menschen im städtischen Raum. Ein Drittel der rund 83 Millionen Einwohner wohnen in den 81 Städten über 100.000 Einwohner. Gute Versorgung mit Schulen, Kultur, medizinischen Einrichtungen und eine in der Regel zufriedenstellende ÖPNV-Struktur – das und vieles mehr gleicht für sehr viele Menschen den Nachteil höherer Mieten und innerstädtischer Enge aus.

 

Oft nur ein romantischer Traum

 

Das Wohnen im Ländlichen Raum ist da oft ein romantischer Traum. Laut einer Umfrage bevorzugen 32 Prozent der Menschen das Dorf, nur 13 Prozent (darunter überdurchschnittlich viele unter 40-Jährige) die Großstadt, wenn es ums Wohnen geht. Baden-Württembergs Landeshauptstadt (mit einem nicht nur in der Spitze überteuerten Mietpreisniveau) hat das erst jüngst zu spüren bekommen. Stuttgart verlor im vergangenen Jahr netto 6.000 Einwohner durch Wegzüge. Eine Landbewegung aber ist das natürlich nicht. Wie in vielen Industrieregionen beschränkt sich der Wegzug auf die sich ausdehnenden Speckgürtel mit halbwegs guter Erreichbarkeit und Verkehrsanbindung. Dennoch konzentriert sich die Politik noch immer bei ihrer Wohnbauförderung auf die großen Städte.

 

Dass das Preisargument längst nicht mehr für einen Wechsel ins Grüne spricht, ist dabei unbestritten. Gerade bei den Mieten hat sich die Preisentwicklung zwischen Stadt und Land angeglichen. Auch bei den Grundstückspreisen sieht etwa empirica region, ein Berliner Immobilien-Marktforschungsinstitut, „kein Auffalten des Bodenpreisgebirges“.

 

Land als politisches Stiefkind

 

Dennoch ist der Ländliche Raum noch immer politisch ein Stiefkind, eher etwas für doppelverdienende Eigenheimbauer und talentierte Bauernhofrenovierer mit Hang zum Zweit- und Drittwagen. Noch liegt der Schwerpunkt darin, die seit langem andauernde Abwanderung vor allem der Jungen abzufedern, Strukturen wenigstens in abgespeckter Form zu erhalten. Kurzum: den Umgang mit oft schmerzlichen Nachteilen zu organisieren. Der Digital-Ausbau angesichts wachsender Homeoffice-Verstetigung, eine medizinische Grundversorgung vor Ort, die den Namen verdient, eine kundenfreundliche getaktete ÖPNV-Struktur – alles das können viele Dörfer und Kleingemeinden nicht allein organisieren, geschweige denn finanzieren.

 

Die Landflucht ist vielleicht kein Thema mehr. Ein Zuzug von Wirtschaftskraft und menschlicher Kreativität, eine echte Alternative zur Preisentwicklung und Wohnungsverknappung in den Großstädten aber ist damit noch nicht verbunden. Wer Wohnungsbaupolitik betreut, muss raus aus der Stadt.  „Wir lassen die Zukunft im Dorf“, sagt Nicole Razavi. Gut möglich, dass auch sie erst noch begreifen muss, dass sie oft erst dahin gebracht werden muss.

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