Rote Socken und das Bürgertum

 

Von Michael Lehner

 

Die „Roten Socken“ haben wieder Konjunktur. Nicht ohne Grund, das zeigt ein Blick in die zweite Reihe hinter den Kanzlerkandidaten von SPD und Grünen. Dort hat der Traum von einer richtig linken Mehrheit wieder Konjunktur.

 

Das Paradebeispiel lieferte die Landtagswahl in Baden-Württemberg: Nur die geballte Autorität von Ministerpräsident Winfried Kretschmann stoppte dort das Drängen der Parteilinken auf ein grün-rot-rotes Bündnis. Jener Kretschmann, der seit Jahren vernehmlich darauf hinweist, dass die Linkspartei im Bund nicht regierungsfähig sei. Wohl schon gar nicht mit den Grünen, die den DDR-Widerstand von „Bündnis 90“ im Namen tragen.

 

Auch klar: Die Vorsitzenden der Grünen haben sich eben erst klar gegenüber der Linkspartei distanziert. Robert Habeck zumal war da sehr eindeutig nach dem Eiertanz der Linken um die Afghanistan-Evakuierung. Umso spannender, wie sich SPD-Chefin Saskia Esken bei der Bündnisfrage windet. Als ginge es nur noch darum, dass sich die Linke zur NATO bekennt, irgendwie …

 

Unklare Fronten im Funktionärsapparat

 

Der wesentliche Punkt: Im Funktionärsapparat von SPD und Grünen sind die Fronten längst nicht so klar wie im Talkshow-Geplauder. Dies, obwohl die große Mehrheit möglicher Rotgrün-Wähler ganz sicher nicht auf radikalen Systemwechsel erpicht ist. Sondern weit eher auf eine gutbürgerliche Mitte, in der die Grünen durchaus salonfähig geworden sind. Das zeigen auch deren Zustimmungsverluste, nachdem ein schwarzgrünes Regierungsbündnis rechnerisch sehr unwahrscheinlich geworden ist.

 

All diese Konflikte bleiben dem Wahlvolk weitgehend verborgen. Ihnen präsentieren SPD und Grüne vorzeigbare Spitzenkandidaten. Den smarten Olaf Scholz, der so gut mit Angela Merkel kann. Und die immer lächelnde Annalena Baerbock mit ihrem gutbürgerlichen Auftritt. Dass die Sozialdemokraten ihren Kandidaten nicht als Parteichef wollten und Frau Esken gar seine SPD-Gene anzweifelte, soll da Schnee von gestern sein – aber vermutlich nur bis zum Wahlsonntag.

 

25 Prozent reichen für Kanzleramt

 

Die Situation, dass diesmal ein Viertel der Stimmen zur Kanzlerschaft reichen dürfte, ist schlimm genug für eine Konsens-Demokratie. Noch schlimmer ist, dass alle Anwärter wahre Kompromisskandidaten sind. Auch Armin Laschet, dem der konservative Unionsflügel nur wenig zutraut; schon gar nicht den Willen, das Parteiprofil zu schärfen.

 

Gerade das großstädtische Wohlstandsbildungsbürgertum wird in solcher Situation wohl doch noch überlegen, welche Regierungskoalition den ureigenen Interessen schmerzhaft schaden könnte. Jenseits von Klima-Demos einer artigen Jugend und jenseits liberaler Befindlichkeit hat da ein radikaler Systemwechsel seine Schrecken. Zumal es ja eine Frage des Blickwinkels ist, wer zu den Besserverdienern zählt.

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