Internet an jeder Milchkanne

 

Von Jürgen Wermser

 

Wirtschaft und Verbraucher müssen sich wegen der Energiewende auf tiefgreifende Veränderungen einstellen. Mehr Klimaschutz heißt die Devise nahezu aller Parteien vor der Bundestagswahl. Auch die Landwirtschaft steht dabei im Blickfeld. Mehr noch: Viele Umweltaktivisten stellen sie an den Pranger: Zu starker Einsatz von Düngemitteln, Massentierhaltung und obendrein mit staatlichen Finanzmitteln gepäppelt, um eine überkommene Produktionsweise künstlich am Leben zu erhalten.

 

Dieses Zerrbild wird der Wirklichkeit in keiner Weise gerecht. Aber es trägt leider dazu bei, dass Landwirte in Politik und in der breiten Öffentlichkeit beim technischen Fortschritt eher als Zauderer und Blockierer gelten - ein fataler Eindruck. Denn der schwächt die Position der Höfe und generell des ländlichen Raums im medial-politischen Wettbewerb um staatliche Zukunftsinvestitionen, sprich: Ausbau des Breitbandnetzes.

 

Der böse Spruch, man brauche schließlich kein Internet an jeder Milchkanne, bleibt unvergessen. Dabei ist genau das Gegenteil richtig: Jedem Landwirt in Deutschland sollte auch aus Klimaschutzgründen eine umfassende Digitalisierung seines Betriebes ermöglicht werden.

 

Hemmnis für Digitalisierung

 

Eine aktuelle Umfrage des Deutschen Bauernverbands (DBV) hat ergeben, dass 46 Prozent der Landwirte in der unzureichenden Breitbandversorgung das größte Hemmnis für eine Digitalisierung ihres Betriebes sehen. Vor zwei Jahren waren es „nur“ 39 Prozent gewesen - ein Rückschritt, der beispielsweise einen sparsameren und damit klimagerechteren Einsatz von Düngemitteln erschwert. Dies ist ein politisches Armutszeugnis. Denn 70 Prozent der befragten Landwirte sehen in der Digitalisierung eine große Chance für ihren Betrieb, vor zwei Jahren waren es noch 62 Prozent gewesen.

 

Digitale Unterversorgung des ländlichen Raumes

 

Im Klartext: Die allermeisten Landwirte würden technologisch gerne auf der Höhe der Zeit arbeiten, aber die Politik lässt dies nicht zu. Sie erledigt ihre entsprechenden Hausaufgaben nicht ordentlich. Denn dazu gehört eine Gleichbehandlung von Stadt und Land in der Breitbandversorgung. Aber davon ist Deutschland nach wie vor weit entfernt. So beträgt die Breitbandverfügbarkeit der Haushalte in der Bandbreite ≥ 200 Mbit/s in Städten gut 91 Prozent, in halbstädtischen Regionen knapp 69 Prozent und im ländlichen Raum dagegen nur 40 Prozent. In anderen Bandbreiten gibt es ähnliche Unterschiede, so der aktuelle Breitbandatlas des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) mit Stand Ende 2020.

 

Politik muss endlich liefern

 

Fazit: Der ländliche Raum braucht schnellstmöglich eine flächendeckende und leistungsfähige Breitband-Infrastruktur, und zwar „an jeder Milchkanne“. Nur so lassen sich auf den Höfen zukünftig die gestiegenen Anforderungen von Politik und Gesellschaft in Sachen mehr Klimaschutz, geringerem Ressourceneinsatz und artgerechterer Nutztierhaltung erfüllen. Gerade die jungen Landwirte sind offenkundig bereit, den Weg in eine digitale Zukunft zu gehen. Jetzt ist die Politik am Zug. Sie muss endlich ihren Part leisten und die notwendigen Leitungen liefern. 

natur + mensch der politische Blog ist eine Initiative der Stiftung natur + mensch

 


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