Dorfwirtshaus oder Landgasthof?

 

Von Michael Lehner

 

Ein Streichelzoo ist auch dann kein Bauernhof, wenn die Kuscheltiere zum Event-Angebot eines Country-Clubs gehören. Ein Baumwipfelpfad sagt meistens gar nichts über den Wald und seine Existenznot. Und ein Landgasthof ist auch dann keine Dorfwirtschaft, wenn die Kellner in Lederhosen servieren und ihre Gäste duzen.

 

Gerade in Bayern geht das Wirtshaussterben schneller voran als in den meisten anderen Bundesländern. Ein Drittel der Betriebe hat binnen 25 Jahren zugesperrt. Gut 150 Dörfer haben kein Wirtshaus – nicht mal eine Pizzeria und auch keinen Chinesen.

 

Alle paar Jahre versucht die weißblaue Staatsregierung den Verfall zu bremsen. Und nicht nur in Bayern schallt der Schlachtruf „Rettet die Dorfwirtshäuser“, zumal vor Wahlen. Aber nicht nur wegen der Wählerstimmen: Ohne bodenständige Gastronomie verliert der Tourismus ein wichtiges Zugpferd. Und das betroffene Dorf eine Säule der Gemeinschaft.

 

Dorfwirtshäuser können Institutionen sein. Wie bis eben noch das „Schwarze Pferd“, gleich am Deich im nordfriesischen Bongsiel. Der Postbote machte dort Station zur Mittagspause, Kanzler und Landesfürsten kehrten ein, Emil Nolde wohnte unterm Dach. Auch Kultur und (manchmal sogar große) Politik gehören dazu.

 

Diskotheken und Denkfabriken

 

Der „Bräuwastl“ zu Peißenberg hat im vorigen Jahrhundert für die Popmusik in Bayern mehr bewegt als Großstadt-Diskotheken. Bei „Annegarn“ in Havixbeck wurde reichlich Politik gemacht fürs Münsterland. Dorfwirtshäuser können Denkfabriken sein, Standort von lokalen Schiedsgerichten, sogar Treffpunkt für die Jugend. Zumindest in den Zeiten, als die weggeworfenen Fastfood-Tüten noch nicht zum Straßenbild auf dem Lande gehörten.

 

Ein paar Dorfwirtschaften sind Gourmet-Tempel geworden. Andere wehren sich bewusst gegen „Sterne“ und die dazu gehörige Schickeria (die sich sogar im einen oder anderen „Mohren“ wohlfühlt, obwohl die Schlachtplatte keineswegs vegan ist). Es ist eine nostalgische Sehnsucht, die nicht wenige Häuser überleben lässt. 

 

Die Sehnsucht nach dem gern verklärten Landleben wird längerfristig nicht reichen, wenn es am Verständnis fehlt. Hochschüler aus der österreichischen Steiermark können neuerdings ein „Aufs Land Semester“ wählen. Beim Kühemelken und am Wirtshaustresen oder auch mit der Arbeit an Dorfladen-Konzepten. Womöglich ist es an der Zeit, das Landleben neu zu entdecken, wenn der Lebensraum Großstadt immer enger wird.

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