Fünfkampf, Pferde und Volksjustiz im Netz

 

Von Jost Springensguth

 

Pferd und Reiterin waren verzweifelt und bei Olympia in einer Situation, die nicht vorkommen darf. Der Moderne Fünfkampf ist eine Sportart, die aus anderen Disziplinen der Spiele inklusive weiterer Mehrkampfarten herausfällt. Laufen, Schwimmen, Fechten, Laser-Schießen und Springreiten passen nur schwer zusammen. Die Erfinder und Verantwortlichen dieser Sportart werden sich dabei etwas gedacht haben, als dies zu einer anerkannten Form des sportlichen Wettkampfes gekürt und obendrein olympische Sportart wurde.

 

Pierre de Coubertin initiierte diese Kombination bereits bei den Sommerspielen 1912 in Stockholm. Er hatte nach der Überlieferung im Sinne, u.a. mit Reiten und Fechten als „Kavalierssportarten“ andere eher in Volkes Breite praktizierte Disziplinen wie Laufen und Schwimmen in Verbindung zu bringen. Man könnte das damit auch als Versuch des Zusammenführens der Leistungsrepräsentanten unterschiedlicher sozialer Schichten bezeichnen.

 

Ob das noch oder gerade zeitgemäß ist, ist nicht das Thema dieser Zeilen, sondern was daraus geworden ist. Fernsehtransparenz und Digitalisierung veranlassen dazu, darüber nachzudenken, zumindest das Prinzip Leihpferd aufzugeben. Seit der Zeit des sogenannten Barrens von Springpferden gibt es die Tierschutzschutzdiskussionen, die in sachlicher Art viel bewirkt haben. Im Freizeit- und Spitzensport ist jedem bekannt, dass Pferde zu den Tierarten gehören, die enge Bindung an Menschen (und umgekehrt) entwickeln. Da geht es um Tierliebe, die z.B. etwa auch im Umgang mit Hunden nicht nur ein soziales Miteinander pflegen, sondern manchmal auch zur überpraktizierten Vermenschlichung von tierischen Lebewesen führt. Es gibt gute Gründe, auch das zu kritisieren.

 

Selbstverständlichkeiten im Umgang mit Tieren

 

Respekt und Achtung im Umgang mit dem Tier ist eine Grundhaltung, die auch in der Nutztierhaltung eine Selbstverständlichkeit sein sollte, nein muss. Das Trainieren oder Züchtigen von Tieren ist ein gesellschaftliches Thema, das dabei polarisiert und diskutiert wird. Der radikale Tierschutz sollte hier endlich Grenzen respektieren, die nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich zu ziehen sind.

 

Die Entwicklung der Sozialen Medien fördert auch auf diesem Feld eine Kommunikations- und Debattenkultur, die ebenso unerträglich sein kann, wie krasse Verstöße gegen den Tierschutz. Verbale Verletzungen führen auch zu Schmerzen bei Menschen, wie sie die Fünfkämpferin gerade zu ertragen hat.

 

Es sollten also andere als nur die ungebremste Volksstimme klären und beurteilen, was die junge Fünfkämpferin und ihre Trainerin vor laufenden Kameras mit dem armen Pferd angestellt haben. Dafür gibt es Instanzen der Politik, des Rechts und vielleicht auch eines Sportverbandes, die in konkreten Fällen vielleicht verurteilen müssen und sollen.

 

Wie freie Meinungsäußerung zu Volksjustiz werden kann

 

Daneben gilt das Recht der freien Meinungsäußerung. Diese darf nicht umschlagen in eigene Formen verbaler Volks- und Lynchjustiz. Jeder, auch eine öffentlich auftretende Sportlerin, hat wie etwa auch der ebenso öffentlich ungebremst angeprangerte Politiker, ein Recht darauf, vor verbaler Verfolgung im Netz geschützt zu werden. Dafür kennen wir etwa in (auch digitalen) Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen Mediengesetze, Pressekodex oder Verantwortungsmechanismen auch in Redaktionen. So etwas fehlt auf Twitter, in Facebook und anderen offenen Netzwerken einfach.

 

Der unerträgliche Vorgang in Tokio könnte auch Anlass bieten, nicht nur über Tierschutz und Reformen der Sportart nachzudenken, sondern auch darüber, was alles so digital ebenso unerträglich ist und damit zu beseitigen wäre. 

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