Olympia in Tokio: Dabei sein ist alles?

 

Von Wolfgang Molitor

 

In vielen Sportabteilungen großer und kleiner, vor allem im ländlichen Raum aktiver Vereine sind die Olympischen Spiele alle vier Jahre der sportliche Höhepunkt. 33 Sportarten gehen in diesem Jahre in Tokio an den Start (fünf mehr als 2016), und es sind viele dabei, die sonst vom großen mit Milliardensummen jonglierenden Werbe- und Medienzirkus allenfalls gönnerhaft am Rande wahrgenommen werden.

 

Auch diesmal sind viele Favoriten und Außenseiter aus über 200 Nationen für die vielen großen und kleinen Sportler in der ganzen Welt wieder anspornende Vorbilder, an denen sich viele Sportarten in den nächsten Jahren, auf Zulauf hoffend, orientieren werden. Wo Corona breite Breschen in so manche Mitgliederkartei geschlagen hat, könnte Olympia in den nächsten zwei Wochen für neue Hoffnung und neue Begeisterung sorgen.

 

Teilnahme ist alles, nicht der Sieg: Der Satz wird Pierre de Coubertin zugeschrieben, der 1894 jenes Olympische Komitee gründete, das 127 Jahre später dabei ist, den Olympischen Spielen endgültig ihren Charme und ihr Charisma zu rauben. Höher, weiter, schneller: Längst geht es nicht mehr um Zentimeter und Sekunden, sondern um Milliarden und Millionen.

 

Unmut und Misstrauen wachsen

 

Kein Wunder, dass überall auf der Welt das Misstrauen und der Unmut darüber wachsen, wie das IOC diese Spiele mit falschen Worten und fragwürdigen Werten durch die Pandemie treibt. Nicht nur in Europa zeigen viele Städte die kalte Schulter, wenn sie gefragt werden, ob sie Olympische Spiele ausrichten wollen. Im Zweifel beerdigt jedes Volksbegehren wie etwa in Garmisch-Partenkirchen die Fünf-Ringe-Träume.

 

Knapp 1,4 Milliarden Euro sollen die Medienriesen NBC und Discovery für die Fernsehrechte in den USA und Europa hingeblättert haben. 60 japanische Unternehmen sponsern die Spiele mit rund drei Milliarden Euro. Klar, dass die Moneten erst dann fließen, wenn es tatsächlich losgeht. Dabei sein ist alles: der noble Olympia-Spruch bekommt da einen ganz anderen Geschmack. Und keinen guten.

 

Es geht also vor allem um Bilder. Gleich, ob Zuschauer in die Stadien dürfen oder nicht - wobei der standhaften japanischen Regierung mit Blick auf das 60.000-Zuschauer-Finale der Fußballeuropameisterschaft in London oder den Zuschauermassen bei jüngsten Formel 1-Rennen höchster Respekt gezollt werden muss, mit ihrem generellen Publikumsverbot wenigstens zu versuchen, der wieder wachsenden Corona-Bedrohung etwas entgegenzusetzen. Dem stellt das IOC in den Stadien lärmende Fake-Begeisterung wie in zweitklassigen Sitcoms gegenüber. Was zeigt: The show must go on. Olympische Wirklichkeit ist zweitrangig. Ein Fest der Völkerverständigung, der Freundschaft und Begegnung verödet hinter Maskenzwang, Abstandsregeln, Trennwänden.

 

Letzte Chance für viele Athleten

 

Und doch: Athleten und Athletinnen haben sich viele Jahre auf diesen Höhepunkt ihrer sportlichen Karriere vorbereitet, haben Opfer gebracht und sich gequält. Für viele ist es die letzte Chance, bei Olympia dabei zu sein. Ihnen die Spiele zu nehmen - und sei es aus besten Gründen - wäre ebenfalls eine Entscheidung gewesen, die emotionalen und gut begründeten Widerspruch erzeugt hätte. Jetzt also heißt es nicht nur im IOC: Augen zu und durch. Der Kampf um die Medaillen wird uns neue dramatische und begeisternde Szenen liefern. Vielleicht machen uns diese entfremdeten Corona-Spiele ja deshalb mehr als andere Sportereignisse klar, dass der Sport nicht kleinzukriegen ist. Nicht vom Mammon, nicht von der Geldgier und Fernsehrechten. In den kleinen Vereinen in Stadt und Land könnte man dann sagen: Wir sind der echte Sport.

 

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