Wo ein Robert Habeck sich wohlfühlt

 

Von Jürgen Muhl

 

Ob in Westerland auf Sylt, in der nordfriesischen Kreisstadt Husum, auf den Inseln Amrum und Föhr oder in St. Peter-Ording: Hier fühlt sich Robert Habeck wohl. Der Vorzeige-Grüne lebt privat in Flensburg, er kennt das Leben an der Küste. Als die Grünen das Laufen lernten, waren zahlreiche Nordfriesen mit von der Partie. Die Sympathiewelle schwappt auch im Wahljahr durch diese Küstenregion, in der die Menschen die Zurückhaltung pflegen und erst laut werden, wenn es ihnen an den Kragen geht.

 

In Husum sind es rund 300 Gäste, mehr Urlauber als Einheimische, die Habeck auf dem Markplatz zuhören. Es gibt Applaus, aber auch kritische Fragen. So beschäftigt das bevorstehende Aus für Diesel und Benziner die Menschen in einer Region, in der viele Berufstätige lange Wege zum Arbeitsplatz haben und aufs Auto angewiesen sind.

 

Habeck will beruhigen. Die Regelung gelte ja erst einmal nur für Neuwagen ab 2035. "Bis dahin können Sie Ihren Diesel fahren“, sagt Habeck.  Und fügt hinzu: "Wenn es nun um eine Kohlendioxid-Besteuerung fürs Heizen und bis 2035 um das Aus für den Verbrennungsmotor bei Neuwagen gehe, müssten die Bürger die eingenommenen Steuern zurückbekommen: „Wir brauchen neue soziale Steuerungssysteme, damit die Gesellschaft zusammenbleibt.“

 

Dann lobt er noch einmal Husum, als Ort, an dem die erneuerbaren Energien erfunden worden seien – „von mutigen Spinnern, die Fahrraddynamos mit Flügeln gebaut haben". Beifall. Ein Hoch auf die Nordfriesen. Das mag man in der grauen Stadt am Meer hören. An diesem Tag scheint aber die Sonne. Von morgens bis abends. "Wenn das der Klimawandel ist, bitteschön", ruft ein vorbeigehender Spaziergänger. Habeck lächelt.

 

Weshalb ist Strom nicht billiger?

 

Nirgendwo in Deutschland stehen so viele Windkraftanlagen wie an der schleswig-holsteinischen Westküste. Billiger geworden ist der Strom dadurch nicht. "Warum ist das so?", will ein Einwohner aus Friedrichstadt wissen. Eine konkrete Antwort bleibt aus, Habeck redet um den Strom herum. Der fragende Mann ist enttäuscht, steigt in seinen 100.000 Euro-SUV mit Dieselantrieb und fährt davon.

 

Ob denn die Deiche in Zukunft reichen für den Küstenschutz, will eine Urlauberin aus Rheinland-Pfalz wissen. Sie kommt aus dem Hochwassergebiet an der Ahr. Habeck antwortet wie aus dem Lehrbuch:  Er sei davon überzeugt, dass Klimaschutz − „also Menschenschutz“ − und Prosperität zusammengehen können und erinnert an den Kampf um den Nationalpark Wattenmeer. Aus einer erbitterten Feindschaft zwischen Befürwortern und Gegnern sei ein von allen bejahtes Projekt geworden, auf das heute alle stolz sind und das die Zukunft der Region sichere. „Um diesen Geist der Veränderung geht es bei der Bundestagswahl, um nichts anderes. Das ist die Chance und keine Bedrohung“, sagt Habeck.

 

Der Name Baerbock fällt hier nicht. Als wollten die Zuhörer Habeck und die Grünen schützen. Habeck meistert seine Küsten-Auftritte mit Souveränität. Rhetorik kann er, der grüne Spitzenpolitiker aus Flensburg.

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