„Hilfe“ – zu viele Touristen im Norden

 

Von Jürgen Muhl

 

Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sind rappelvoll. Küsten, Inseln, die Halligen, auch im Binnenland wie am Nord-Ostsee-Kanal, an der Eider, an den Seen in der Holsteinischen Schweiz. Überall heißt es ausgebucht. Die Situation spitzt sich zu – wie auf Sylt. Es gibt so gut keine freien Tische in den Restaurants und in den Cafes. Schlange stehen vor Bäckereien, vor Supermärkten, vor dem Autozug in Niebüll sowieso.

 

Der Inselurlaub ist schön, er ist aber schwierig geworden. Wer keine Geduld mitbringt, ist an der Nord- und Ostsee in diesem Sommer falsch aufgehoben.  Vereinzelt gibt es Gäste, die nach wenigen Tagen wieder abgereist sind. Lieber im eigenen Garten von Wanne-Eickel als in der Menschentraube in der Westerländer Friedrichstraße, in der Abstandhalten ein gut gemeinter Rat ist.

 

Auch am Nord-Ostsee-Kanal hat der automobile Urlaub derartig zugenommen, dass sämtliche Wohnmobil-Plätze zwischen Kiel und Brunsbüttel bis auf den letzten Platz auf den Grasflächen belegt sind. Eine Reihe von Landwirten entdeckt neue Einnahmequellen, indem sie ihre freien Wiesen an der immer noch meistbefahrenen Schiffsstraße der Welt als Wohnmobil-Flächen ausweisen möchten. Das geht aber nicht über Nacht, es muss um Genehmigungen in den Kreisverwaltungen gebuhlt werden.

 

Kampf um Genehmigungen

 

In der Rendsburger Behörde treffen sich die Bauern und tauschen ihre Erfahrungen auf den Wartebänken aus. Prognose: Der Urlaub im Wohnmobil nimmt weiter zu. Her mit den Genehmigungen, heißt es bei den Landbesitzern. Der Appell an die Ordnungsämter wird nicht immer erhört. Ablehnungen sind an der Tagesordnung. Und dann wird auf den Behörden-Fluren geschimpft. Was Landwirte ja auch gut können.

 

Kaum noch freie Betten: Wie extrem die Situation ist, lässt sich mit Zahlen schwer greifen, denn die offiziellen Statistiken erfassen lediglich Beherbergungsbetriebe ab zehn Betten. Beispiel Gelting. Das ist eine kleine Gemeinde an der Ostsee zwischen Kappeln und Flensburg.  Standen im Jahr 2003 noch 198 Betten in der örtlichen Statistik, waren es im vergangenen Jahr 402 - eine Verdoppelung.

 

Das Amt Geltinger Bucht registriert zusätzlich kleinere Ferienwohnungen, wie sie über Internet-Portale wie „Airbnb“ angeboten werden; vor drei Jahren waren es 724 (aktuell: 785) Betten in Gelting, was hochgerechnet 44.427 Übernachtungen pro 1.000 Einwohner ausmacht – eine „überdurchschnittlich hohe Tourismusintensität“, wie es im Ortsentwicklungskonzept von damals heißt.

 

Es sind Entwicklungen, wie viele Orte an der deutschen Ostseeküste, auch in Mecklenburg-Vorpommern, sie kennen:  Das Vor-Corona-Jahr 2019 war mit über 34 Millionen Übernachtungen im Land ein Rekordjahr – das dritte in Folge. Zählte Zingst 2009 noch 843.000 Übernachtungen, waren es zehn Jahre später 1,1 Millionen; auf Usedom stiegen sie im selben Zeitraum von fünf auf 6,2 Millionen, in Heringsdorf von 2,1 auf drei Millionen. Fazit der Tourismusverbände: „Wir sind auf Erfolgskurs.“ Fürwahr.

 

Gäste wollen sicheren Urlaub

 

Die Gäste legten in der aktuellen Situation vor allem Wert auf einen sicheren Urlaub, sagt Bernd Buchholz (FDP), Schleswig-Holsteins Minister für Wirtschaft, Verkehr und Tourismus.  Das zeige sich auch an einer gestiegenen Nachfrage nach Wohnmobilstellplätzen. „Wir müssen schlicht anerkennen, dass die Corona-Pandemie die Akzeptanz vielerorts nicht gerade erhöht hat“, fügt Buchholz hinzu. Um die Bedürfnisse von Einheimischen, Urlaubern und Tourismus-Wirtschaft in Einklang zu bringen, brauche es einen Masterplan, der die künftige Bebauung ebenso im Auge behalte, wie eine intelligente Besuchersteuerung.

 

„Um eine Besucherlenkung werden wir auch in diesem Jahr nicht herumkommen“, kündigt der Minister an.  Buchholz: „Wir haben in Schleswig-Holstein insgesamt 1921 Kilometer Küste, da gibt es für jeden ein entspanntes Plätzchen, das müssen wir Einheimischen und Gästen nur immer wieder klar machen“, sagte er. „Außerdem ist das auch eine Chance für das Binnenland, das wir als Tourismusstandort stärken wollen.“

 

Schleswig-Holstein befindet sich auf Expansionskurs. Auch das ist eine Folge von Corona.

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