Landwirte unter Höchstspannung

 

Von Jost Springensguth

 

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein heißes Thema: die neuen oder zu erneuernden deutschen Stromautobahnen sollen die Energie von den Windparks im Norden in die industriell strukturierten Ballungszentren bis in den Süden leiten. Dort herrscht im Gegensatz zur Nordseeregion über Wasser oder Land überwiegend Flaute. Gleichzeitig aber geht es dort um die Versorgungssicherheit durch den Transport des „neuen“, mutmaßlich sauberen Stromes.  

 

Höchstspannungstrassen sind das Zauberwort, die vorhandene Leitungen mit schwächeren Kapazitäten ersetzen sollen oder vollkommen neu geplant werden müssen. Wo Überlandleitungen seit Jahrzehnten unter Strom stehen, müssen sie auf den Nord-Südtrassen vollkommen erneuert werden. Im Beamtendeutsch heißt das, die vorhandenen Leitungstrassen müssen „ertüchtigt“ werden.

 

So werden bis 2030 zwei zusätzliche große Stromtrassen in Deutschland geplant. Damit erhöht sich deren Zahl von drei auf fünf. Für die neuen Trassen ist eine quasi vollständige Erdverkabelung vorgesehen. Dies sei „im Sinne einer höheren Akzeptanz“, heißt es bei den Netzbetreibern Tennet, TransnetBW, 50Hertz und Amprion sowie der Bundesnetzagentur. Man will offensichtlich den Strahlendiskussionen aus dem Weg gehen.

 

Berechtigte Widerstände in Land- und Forstwirtschaft

 

Doch die Erdverkabelung löst andere Widerstände aus: Sie beeinträchtigt Land- und Forstwirtschaft in erheblichem Maße. Beispiel liefert ein Abschnitt an der Grenze zwischen Niedersachsen und NRW. Dort soll zwischen Gütersloh und Bad Essen eine 100 Jahre bestehende Stromtrasse zur Höchstspannungsleistung „ertüchtigt“ werden. Dazu gibt es auf einem Teilstück zwei Alternativen: Ersatz der 19 bestehenden durch 13 jeweils höhere neue Masten oder eine Erdverkabelung mit der Querung durch den typografisch, geologisch und hydrografisch kompliziert aufgebauten Grund des Teutoburger Waldes. Hier läuft eine Bürgerinitiative von Land- und Forstwirten mit guten Gründen Sturm.

 

Denn deren Sorge – bis hin zur Existenzgefährdung ihrer Betriebe – kommt nicht von ungefähr: Da ist zum einen der Landverbrauch durch Bau und Betrieb der 380 kV Höchstspannungsleitung, die in diesem Fall in offener Bauweise – d.h. nicht einmal zwei Meter tief – eine Schneise durch ihren Grund und Boden schlagen soll. Zum anderen befürchten die Landwirte erhebliche Beeinträchtigung durch später steigende Bodentemperaturen. So räumt selbst der Netzbetreiber ein, dass die Kabel bei Höchstlast bis zu 80 Grad Celsius abgeben können. Deren Auswirkungen auf Bodenleben und -feuchtigkeit, so der konkrete Vorwurf der Landwirte, sei wie der gesamte Erdkabelbetrieb unter Volllast noch in keiner Weise erforscht. Vielmehr sei eine nachhaltige Evaluierung derartiger Pilotprojekte der Dringlichkeit betriebsfähiger Stromautobahnen geopfert worden. Mit dem Ergebnis, dass die jetzt anstehenden Erdkabeltrassen zunächst als Versuch auf Kosten der betroffenen Land- und Forstwirte durchgeboxt werden sollen.

 

Für eine Erdverkabelung nachweislich ungeeignet

 

Erbitterter Widerstand formiert sich so besonders in Borgholzhausen im Kreis Gütersloh. Die Stadt liegt an einem Pass im Teutoburger Wald. Der Gemeinderat ist für das Erdkabel, die Bodeneigentümer und -nutzer im Randbereich der Stadt strikt dagegen und sehen sich erheblich beeinträchtigt. Sie kämpfen in einem viele Jahre dauernden Planfeststellungsverfahrung dagegen, dass sie mit ihrem Grund und Boden Versuchskaninchen in diesem Verfahren sind, das als Pilotprojekt angelegt ist.

 

Beispielhaft mahnt Max von Elverfeldt, Bundesvorsitzender der

Mitgliedsverbände der Familienbetriebe Land und Forst zur Umsicht:

 

Wenn die Voraussetzung für eine Erdverkabelung nachweislich so

ungeeignet sind wie hier im Teutoburger Wald, dürfen der Natur- und

Landschaftsraum nicht gefährdet und zum Experimentierfeld

einer nicht abschließend gesicherten Technologie werden“.

 

Die Borgholzhausener Landwirte fordern daher ein Umdenken und eine neue Evaluierung des Projektes. Dass ein insgesamt fast 70 Kilometer langer Teilabschnitt 2015 als mögliches Pilotprojekt der Erdverkabelung wider Erwarten nachträglich ins Energieleitungsausbaugesetz aufgenommen wurde, rechtfertige nicht, dass zu den veränderten Bodendichten auch noch die Erhitzung der Kabel die Ernten dauerhaft beeinträchtigt oder gar vernichtet. Dies sollte auch andernorts zu denken geben.

 

Den Eingriff und den Flächenverbrauch demonstrieren die betroffenen Landwirte mit drei Mähdreschern. Sie zeigen so, in welchem Ausmaß die Landschaft förmlich umgegraben werden soll, wenn in offener Bauweise die Kabel in die Erde gebracht werden: Falls die 380 kV-Höchstspannungsleitung gelegt wird, entsteht ein Arbeitsstreifen von über 50 Meter Breite, der sich dann über mehr als vier Kilometer durch den unter Landschaftsschutz stehenden Teutoburger Wald und damit durch FFH-Flächen zieht. In der Regel elektrisiert das Naturschutzverbände, hier aber nicht. Der Zweck der Energiewende heiligt offenbar die Mittel.

 

natur + mensch der politische Blog ist eine Initiative der Stiftung natur + mensch

 


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