Wo bleiben die kleinen Leute?

 

Von Jürgen Wermser

 

Das hatten sich die meisten Grünen gewiss anders vorgestellt. Statt auf ihrem heute beginnenden Bundesparteitag den Programmentwurf für die Bundestagswahl abzunicken, sich in den Umfrageergebnisse der letzten Monate zu sonnen und der eigenen Führung zuzujubeln, heißt die neue Devise: Kämpfen und Schaden begrenzen. Denn spätestens bei der Wahl in Sachsen-Anhalt mussten die Grünen erkennen, dass ihre Konzepte außerhalb der Metropolen politisch kaum zünden.

 

Gewiss, auch im ländlichen Raum hat das grüne Mega-Thema Klimaschutz politische Hochkonjunktur. Denn viele Menschen leben dort von und mit der Natur. Sie wissen um die Grenzen der natürlichen Belastungen, wünschen sich mehr globale Nachhaltigkeit. Doch zugleich geht es den Bürgern gerade im ländlichen Raum auch um sehr regionale Herausforderungen. Stichworte sind Landwirtschaft, Mobilität, Natur- und Artenschutz, Wohn- und Arbeitssituation. Und bei diesen Themen sind viele Antworten der Grünen leider allzu abstrakt oder einseitig an städtischen Lebensformen ausgerichtet.

 

Debatte um höhere Spritpreise

 

Man nehme nur die aktuelle Diskussion um höhere Benzinpreise. Zwar erkennen auch die Grünen die Bedeutung des Autos für die Mobilität in dünner besiedelten Regionen prinzipiell an. Gleichzeitig wollen sie aber massiv an der Preisschraube für Sprit drehen, ohne in der Fläche praktikable Alternativen zu bieten.

 

Die Zeche zahlen Bürger, die auf dem Land zwingend auf das Auto angewiesen sind - vom Einkaufen, Arztbesuch bis hin zur täglichen Arbeit. Gleichzeitig tragen diese Landbewohner mit höheren Spritpreisen direkt oder indirekt zur Finanzierung des ÖPNV in städtischen Ballungsgebieten bei, ohne davon selbst wesentlich zu profitieren. All dies wirkt weder sozial gerecht noch zukunftsweisend. Im Gegenteil, es drohen neue Gräben zwischen Stadt und Land, zwischen ärmeren und reicheren Bevölkerungsschichten.

 

Großstädter persönlich kaum betroffen

 

Das mag bei manchen Aktivisten in Berlin oder Hamburg Achselzucken oder gar klammheimliche Genugtuung auslösen nach dem Motto: Hauptsache weniger Straßenverkehr, zumal Großstädter persönlich kaum negativ betroffen sind. Für eine Partei, die das Kanzleramt gewinnen möchte, ist dies jedoch ein ideologisches Spiel mit dem Feuer. Was nützen die besten Motive, wenn sich zu viele Menschen gerade in ländlichen Regionen von einer solchen Politik überfordert, ja überrumpelt fühlen?

 

 

Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt hat die Schwächen grüner Programmatik wieder einmal schonungslos aufgedeckt: Zu städtisch orientiert, zu gleichgültig gegenüber den Alltagsproblemen von „kleinen Leuten“ außerhalb der Ballungsgebiete. Man darf gespannt sein, ob die Grünen auf ihrem Parteitag angemessen darauf regieren werden. Wenn nicht, könnte auch im Bund am 26. September aus guten Meinungsumfragen schnell ein unerwartet schlechtes Wahlergebnis werden…

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